Deutscher Gewerkschaftsbund

26.06.2021

Stuttgart: 80. Jahrestag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion

80. Jahrestag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion

Jörg Munder

An der Kundgebung des Bündnisses am 26. Juni 2021 auf dem Stuttgarter Schillerplatz nahmen zwischen etwa 150 Interessierte teil und gedachten des Überfalls und der Leiden der sowjetischen BürgerInnen. “Nie wieder sollte Krieg von deutschem Boden ausgehen: Das war nach 1945 Konsens in der deutschen Bevölkerung. Wir haben heute die besondere Verpflichtung gegenüber den Menschen in Russland, dafür Sorge zu tragen, dass von deutschem Boden Friedenspolitik ausgeht.“, so Christa Hourani in der Anmoderation dieser Gedenkveranstaltung.

Es sprachen:

  • Lothar Letsche, Historiker und in der VVN aktiv, beleuchtete in seiner Rede die historischen Hintergründe.
  • Günther Baltz, evangelischer Pfarrer i.R, sprach über die Verantwortung der Christen für den Frieden, die sich aus ihrem Versagen während des Deutschen Faschismus ergibt.
  • Jürgen Wagner, von der Informationsstelle Militarisierung (IMI) Tübingen, befasste sich in seiner Rede mit der heutigen Friedensbedrohung.
  • Cuno Brune-Hägele, Geschäftsführer von ver.di Stuttgart erläuterte die Aufgaben der Gewerkschaften in der Friedenspolitik.
  • Die MARBACHER begleiteten die Gedenkkundgebung mit antifaschistischen und Friedensliedern.

Frieden in Europa und der Welt kann es nur mit und nicht gegen Russland geben!

Die Charta der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) spricht vom Prinzip der „gemeinsamen Sicherheit“ im „gemeinsamen Haus Europa“.
Deshalb fordern wir:

  • Eine neue Entspannungspolitik weltweit! Schluss mit dem militärischen Aufmarsch nach Osten. Deutschland muss raus aus dieser selbstmörderischen Nato-Strategie!
  • Beendet den atomaren Wahnsinn! Beitritt Deutschlands zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag und Initiativen zu seiner Durchsetzung! Schluss mit der „nuklearen Teilhabe“ Deutschlands an US-Atomwaffen in Büchel in Rheinland-Pfalz! Keine neuen Atombomber für die Bundeswehr!
  • Abrüsten statt aufrüsten! 53 Milliarden brauchen wir nicht für die Rüstung, sondern für Soziales, Gesundheit und Bildung!
  • Schließung der US-Kommandozentralen EUCOM und AFRICOM in Stuttgart!

Dies sind auch die Forderungen, die wir als Kriterien für alle Kandidat*innen zur Bundestagswahl anlegen. Keine Stimme für Aufrüstung und Kriegsvorbereitung.

 

Erinnerungen lebendig halten

Bei den Recherchen in den letzten Wochen über sowjetische Denkmäler in Stuttgart wurde mit Erschrecken festgestellt, dass viele von ihnen nicht gekennzeichnet sind, Hinweisschilder fehlen, sie nicht gepflegt werden, die Inhalte nicht erkennbar sind usw.. Doch Mahnmale sollen Erinnerungen lebendig halten, sonst drohen Erinnerungen zu verblassen. Denn es braucht eine Erinnerungskultur, die Hintergründe beleuchtet und jene würdigt, die entscheidend mitgewirkt haben, dass der 2. Weltkrieg beendet wurde und der Faschismus besiegt wurde.

Deshalb wurde ein Brief an den Stuttgarter OB Nopper und den Stuttgarter Gemeinderat verfasst:

Werter Herr Oberbürgermeister, werte Damen und Herren des Stuttgarter Gemeinderats,
von unserer Kundgebung zum 80. Jahrestag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion wenden wir uns mit einem dringenden Brief an Sie.
Am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht trotz des Nichtangriffsvertrags die Sowjetunion. Die Nazi-Truppen töteten bereits in den ersten Monaten Millionen sowjetischer Soldaten und Zivilisten oder verschleppten sie als Arbeitssklaven. Der faschistische Angriff scheiterte zum Glück, hinterließ jedoch unendliche Verwüstungen – und die Arbeitssklaven landeten auch in Stuttgart.

Polen und Russen wurden anders als die „Westarbeiter“, die zum Teil in Privatunterkünften wohnten und sich zumindest anfangs frei bewegen konnten, in umzäunten und bewachten Lagern untergebracht. Bei Daimler war der oberste, am stärksten gefährdete Stock der Luftschutzräume für „Ostarbeiter“ bestimmt. Ähnlich war es bei den Arbeitszeiten: Arbeiteten die meisten ausländischen Kräfte bei Daimler-Benz 66 Stunden, ab 1944 72 Stunden in der Woche, so war die 80-Stundenwoche für sowjetische Arbeiter bereits seit 1942 Routine.
Eine russische Arbeiterin: „Es gab eine Vesperpause, aber da wir nichts zu essen hatten, gingen wir auf die Toilette, um die Deutschen nicht essen sehen zu müssen.“

80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion
müssen wir das Gräberfeld von 651 sowjetischen Zwangsarbeitern auf dem Hauptfriedhof in Steinhaldenfeld nach wie vor suchen. Es gibt kein Hinweisschild am Eingang oder vor Ort. Auf dem Übersichtsplan am Eingang ist der Ort mit den Worten „Ostarbeiter Ehrenfeld“ gekennzeichnet. Das ist alles. Das auf der Website der Stadt Stuttgart propagierte Denkmal für die Zwangsarbeiter auf dem Hauptfriedhof gibt es nicht. Erinnerungskultur oder gar Vergangenheitsbewältigung geht anders.

Es gibt weitere Gräberfelder dort wie das „Ehrenfeld Fliegeropfer“ für die „Opfer aus schwerer Zeit“ oder eins für die "Opfer der Gewalt", wo es sich offensichtlich um KZ-Häftlinge aus Buchenwald, Dachau usw. handelt. Es fehlen jegliche Erklärungen. Z.B. warum war die Zeit „schwer“? In einer Gesellschaft, die sich sehr ihrer Werte rühmt, können wir so nicht weitermachen.

In Zuffenhausen gab es drei große Zwangsarbeiterlager auf der Schlotwiese, Gehrenäcker, Seedamm und viele weitere kleine Unterkünfte. Keines existiert mehr. Nur beim Lager Schlotwiese gibt es ein Denkmal zur Erinnerung und Stolpersteine für ermordete Zwangsarbeiter – allerdings nur durch private Initiative. Es wäre an der Zeit, diese Orte des Schreckens kenntlich zu machen und würdig der Opfer zu Gedenken. Auch in anderen Stadtteilen sind diese Orte nur für Eingeweihte erkennbar. Erklärungen gibt es keine. Gerade für jungen Menschen wären aber solche Erinnerungsstätten und Erklärungen notwendig, damit dieses düstere Kapitel nicht einfach verschwindet.

Auf der Homepage der Landeshauptstadt Stuttgart wird auf der Unterseite „Denkmäler und Gedenkstät-ten“ das Mahnmal „Tag und Nacht“ zur Erinnerung und zur Mahnung an die Zwangsarbeiter bei der Daimler-Benz AG aufgeführt. Angegeben wird, dass das Mahnmal derzeit nicht öffentlich zugänglich sei.

Seit Ende 2018 steht das Mahnmal frei zugänglich in der Mercedes-Jellinek-Str. in 70372 Stuttgart gegen-über dem Mercedes-Benz-Museum. Auf der Website sollte umgehend der richtige Standort des Mahnmals genannt werden. Bei dieser Korrektur darf auf keinen Fall, wie auf der Gedenkplatte des Mahnmals „Tag und Nacht“, der Hinweis auf die Zwangsarbeit bei der Mercedes-Benz AG entfallen. Von Seiten des Daimler-Vorstandes wurde bereits 2005 versprochen, dieses Mahnmal beim neuen Daimler-Museum aufzustellen. Leider wurde dieses Versprechen nicht eingehalten und es steht versteckt hinterm Museum. Wir fordern die Stadt auf, auf den Daimler-Vorstand einzuwirken, dass das Mahnmal seinen prominenten Platz vor dem neuen Daimler-Museum bekommt.

80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion
stellen wir fest: Wieder übt die Nato für den großen Krieg. Mit dem aktuellen Manöver „Defender europe 2021“ geht es mit 30 000 Soldaten wieder in Richtung Osten. Das Eucom in S-Vaihingen spielt als US-Kommandozentrale bei den Kriegsplanungen der Nato eine entscheidende Rolle.

80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion
fordern wir von der Stadt Stuttgart eine Erinnerungskultur, die auch die Hintergründe „der Gewalt“ beleuchtet, und ein Ende der Verdrängung und Verharmlosung der Verbrechen, die von diesem Land ausgingen. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

Wir erinnern uns an Willi Bleicher, der auch auf dem Hauptfriedhof begraben ist. Er sagte: „Vergessen wir niemals die Erkenntnis, dass, wer für den Frieden ist, gegen den Krieg kämpfen muss."

Redetexte und Materialien


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